Venedig im Sommer 1980 als Epochenwende der Giardini
Im Sommer 1980 lag über den Giardini di Castello jene eigentümliche Spannung, die Venedig seit jeher erzeugt: Schönheit und Verfall, Repräsentation und Auflösung, höfische Geste und politischer Konflikt. Die Biennale war längst ein internationaler Seismograf der Moderne, blieb in ihren nationalen Pavillons jedoch vielfach den Ordnungsvorstellungen einer männlich geprägten Kunstwelt verpflichtet. Österreich hatte seit 1895 regelmäßig an der Ausstellung teilgenommen, doch die Geschichte seiner Präsenz war auch eine Geschichte institutioneller Auswahl, staatlicher Selbstrepräsentation und kunsthistorischer Kanonbildung.
Vor diesem Hintergrund war die Berufung von Maria Lassnig und VALIE EXPORT durch den Kommissär Werner Hofmann weit mehr als eine bemerkenswerte Personalentscheidung. Der Österreichische Pavillon wurde zwei Künstlerinnen anvertraut, deren Arbeiten sich jeder gefälligen Vorstellung nationaler Kultur widersetzten. Wer sich heute mit dem Österreichischen Pavillon beschäftigt, erkennt in dieser Entscheidung einen Moment institutioneller Öffnung, der die Frage nach dem Verhältnis von Kunst, Körper und Öffentlichkeit neu stellte.
Die Doppelbesetzung war die erste weibliche gemeinsame Präsentation Österreichs in diesem Pavillon und damit ein bewusster Bruch mit den konservativen Konventionen des damaligen Kulturbetriebs. Lassnig führte den Blick nach innen, zu Schmerz, Empfindung und der prekären Wahrnehmung des eigenen Körpers. EXPORT richtete ihn nach außen, auf Architektur, Medien, Religion und die patriarchalen Regeln des öffentlichen Raums. In ihrem Zusammenspiel wurde sichtbar, dass Körperlichkeit nicht bloß ein Motiv, sondern ein umkämpftes politisches Terrain ist.

Die weiße Architektur von Josef Hoffmann als politisches Resonanzfeld
Der Österreichische Pavillon war für diese Konfrontation kein neutraler Behälter. Josef Hoffmanns 1934 errichteter Bau tritt mit klarer Symmetrie, weißen Flächen und einer bewusst geordneten Moderne auf. Frühere Entwürfe Hoffmanns aus den Jahren 1912 und den 1920er-Jahren waren aus unterschiedlichen Gründen nicht verwirklicht worden. Erst 1934 erhielt Österreich einen eigenen Pavillon, nachdem es seit Beginn der Biennale im Hauptpavillon ausgestellt hatte. Der Bau verkörpert daher nicht nur architektonische Eleganz, sondern auch die staatliche Logik des Länderpavillons: Eine Nation spricht durch ausgewählte Kunst in einem eigens dafür errichteten Raum.
Gerade diese repräsentative Strenge machte den Pavillon 1980 zum politischen Resonanzfeld. Die weiße Architektur versprach Übersicht, kulturelle Souveränität und formale Kontrolle. Lassnigs Malerei und EXPORTs Medienarbeiten antworteten darauf mit Instabilität. An die Stelle des souveränen nationalen Bildes traten verletzliche Körper, fragmentierte Identitäten, technische Apparaturen und religiöse Zeichen, die ihre Autorität verloren hatten. Der Pavillon wurde damit nicht abgeschafft, sondern von innen her umgedeutet.
Die räumliche Teilung zwischen den beiden Künstlerinnen war entscheidend. Lassnigs introspektive Malerei verlangte eine konzentrierte, beinahe stille Betrachtung. EXPORTs raumgreifende Installationen griffen in die Architektur ein und machten den Rundgang körperlich spürbar. So entstand kein harmonischer Dialog im traditionellen Sinn, sondern eine produktive Reibung zwischen Innenwahrnehmung und öffentlicher Einschreibung. Die Erwartung eines Ministeriums, im Ausland ein geschlossenes und repräsentatives Österreich zu zeigen, wurde vor Ort von einer Ausstellung überlagert, die gerade die Brüche gesellschaftlicher Ordnung sichtbar machte.
- Die Architektur stand für staatliche Klarheit, die Kunst für körperliche und politische Ambivalenz.
- Lassnig verschob den Blick von der äußeren Erscheinung zur inneren Empfindung.
- EXPORT entlarvte Räume, Medien und Rituale als Träger gesellschaftlicher Macht.
Maria Lassnig und die Schonungslosigkeit des Körpergefühls
Maria Lassnigs Begriff der Body-Awareness bezeichnet eine radikale Abkehr von der akademischen Außenansicht des Menschen. Der Körper erscheint bei ihr nicht als anatomisch korrektes Objekt und auch nicht als idealisierte Figur, sondern als wechselnde Empfindungszone. Er wird gespürt, bevor er gesehen wird. Konturen können sich auflösen, Gliedmaßen wirken verkürzt oder überdehnt, Gesichter erstarren zu Masken. Was auf der Leinwand geschieht, ist keine Verformung um ihrer selbst willen, sondern der Versuch, innere Zustände mit malerischen Mitteln präzise zu fassen.
In Venedig begegnete das Publikum Selbstporträts und Körperbildern, die Schmerz, Alter, Isolation und psychische Spannung nicht beschönigten. Lassnigs Figuren sind häufig zugleich anwesend und abwesend: Sie sitzen, liegen oder stehen im Bild, doch ihr eigentliches Drama ereignet sich in einer schwer lokalisierbaren Zone zwischen Fleisch und Bewusstsein. Technologische Metaphern, starre Gehäuse und mechanische Anmutungen verstärken diesen Eindruck. Der Körper erscheint als empfindsame Maschine, aber auch als Gefängnis, dessen Grenzen nicht jederzeit überschritten werden können.
Der Rezeptionsschock lag deshalb weniger in einer einzelnen Provokation als in der Konsequenz dieser Malerei. Das venezianische Publikum war mit einem Körper konfrontiert, der sich dem Blick entzog und ihn zugleich zurückwies. Die Bilder verweigerten erotische Verfügbarkeit, psychologische Eindeutigkeit und repräsentative Würde. Sie zeigten fleischliche Seelenzustände, ohne sie in eine leicht lesbare Erzählung zu überführen.
- Body-Awareness: Wahrnehmung des Körpers von innen statt objektivierender Außenansicht.
- Selbstporträt: kein Abbild, sondern ein Protokoll von Empfindung, Schmerz und Identitätsunsicherheit.
- Technologie: Metapher für Entfremdung, Kontrolle und die fragile Grenze zwischen Mensch und Apparat.
- Farbe: nicht bloße Stimmung, sondern körperliche Spannung und psychische Temperatur.
VALIE EXPORT und die Dekonstruktion des patriarchalen Raums
VALIE EXPORT arbeitete in Venedig mit einem erweiterten Medienbegriff. Fotografie, Video, Skulptur, Neon und Performance traten nicht als getrennte Gattungen auf, sondern als Instrumente einer Analyse des Körpers. Ihre Body Configurations zeigen den eigenen Körper in Beziehung zu Mauern, Treppen, Straßen und architektonischen Kanten. Die Figur passt sich dem Raum an, verrenkt sich, verschmilzt mit ihm oder scheint von ihm bedrängt zu werden. Damit wird die Stadt nicht als neutrale Bühne erfahrbar, sondern als Umgebung, die Körper nach Geschlecht, Norm und sozialer Lesbarkeit ordnet.
Besonders scharf bündelte sich diese Kritik im Geburtenbett. Das rostige Stahlbett, weibliche Beine, rotes Neon und das Video einer katholischen Kommunionshandlung verbinden Geburt und Tod, religiöse Symbolik und körperlichen Schmerz. Die Arbeit attackiert die Vorstellung einer sakralisierten, abstrakten Geburt, indem sie die konkrete Erfahrung weiblicher Körperlichkeit ins Zentrum rückt. EXPORT bezeichnete ihre Kunst wiederholt als Rebellion gegen die katholische Glaubensordnung. Im Geburtenbett wird diese Rebellion materiell: Blut, Metall, Liturgie und Verwundbarkeit stehen in einem unauflösbaren Spannungsverhältnis.
| Maria Lassnig | VALIE EXPORT |
|---|---|
| Introspektive Malerei | Medienübergreifende Installation |
| Körper als Empfindungsraum | Körper als gesellschaftliches Zeichen |
| Schmerz und Isolation im Inneren | Kontrolle und Normierung im öffentlichen Raum |
| Farbe und deformierte Figur | Fotografie, Video, Skulptur und Neon |
Die Gegenüberstellung beider Ansätze war deshalb so stark, weil sie zwei Richtungen feministischer Kunst miteinander verband. Lassnig zeigte, wie tief gesellschaftliche Normen in die Selbstwahrnehmung eindringen. EXPORT machte sichtbar, wie Institutionen, Religion, Architektur und Medien den Körper von außen definieren. Gemeinsam verwandelten sie den Pavillon in einen Ort, an dem der weibliche Körper nicht betrachtet, sondern als handelndes, verletzliches und widerspenstiges Subjekt verhandelt wurde.
Vom Skandal zur Kanonisierung österreichischer Avantgardekunst
Die unmittelbare Rezeption bewegte sich zwischen Unverständnis, Irritation und vorsichtiger Anerkennung. Ein Teil des Feuilletons begegnete den Arbeiten mit der Erwartung, Kunst müsse repräsentieren, ordnen oder formal überzeugen. Stattdessen traf es auf Bilder und Installationen, die den institutionellen Rahmen selbst problematisierten. Später setzte eine kunsthistorische Neubewertung ein. Was zunächst als sperrig oder exzessiv gegolten hatte, wurde als präzise Analyse von Körperpolitik, Medienmacht und patriarchaler Sichtbarkeit erkannt.
Der Einfluss dieser Präsentation lässt sich nicht als einfache Schule von Vorbildern beschreiben. Aufschlussreicher ist ein Netzwerk feministischer und medienkritischer Praktiken, in dem Künstlerinnen wie Birgit Jürgenssen und Ulrike Rosenbach eigene Strategien entwickelten. Jürgenssen arbeitete mit Rollenbildern, Verkleidung und häuslichen Symbolen, während Rosenbach Video und Performance als Räume der Kontrolle und Gegenkontrolle nutzte. Rosenbachs internationale Tätigkeit und ihre Arbeit als Pionierin feministischer Videokunst zeigen, wie sich die in den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelten Fragen über nationale Grenzen hinweg verbreiteten.
Für die historische Aufarbeitung ist das Venedig Biennale Archiv Austria von besonderer Bedeutung. Die Universität für angewandte Kunst Wien betreut im Auftrag des Kulturministeriums die Dokumentation österreichischer Biennale-Beiträge. Digitalisierte Unterlagen und Metadaten machen sichtbar, wie Ausstellungen konzipiert, installiert und rezipiert wurden. Gerade bei einer Präsentation wie jener von 1980 ist diese Arbeit unverzichtbar, weil spätere Rekonstruktionen stets die Gefahr bergen, die ursprüngliche räumliche und institutionelle Situation zu vereinfachen.
Die Entwicklung des Österreichischen Pavillons lässt sich als eine Folge wichtiger Verschiebungen lesen:
- 1980 setzten Maria Lassnig und VALIE EXPORT den weiblichen Körper ins Zentrum einer radikalen institutionellen Selbstbefragung.
- In den folgenden Jahrzehnten wurden feministische, medienkritische und performative Praktiken zunehmend als zentrale Bestandteile österreichischer Gegenwartskunst anerkannt.
- 2019 präsentierte Renate Bertlmann mit Discordo Ergo Sum erstmals als einzelne Künstlerin Österreich im Pavillon. Ihre 312 Messerrosen im Hof übersetzten Widerspruch, Begehren und Aggression in eine präzise räumliche Ordnung.
- Mit Florentina Holzinger wurde 2024 der Pavillon als sakraler Bau, Unterwasserpark und Kläranlage gedacht. Die Arbeit verband Körper, Technik, Flüssigkeit und öffentliche Beteiligung zu einem lebenden, sich verändernden Organismus.
Diese Chronologie zeigt, dass der Bruch von 1980 nicht in einer geradlinigen Erfolgsgeschichte aufgeht. Sichtbarkeit musste immer wieder erkämpft, archiviert und neu interpretiert werden. Die Erinnerung an Lassnig und EXPORT bleibt daher auch eine Kritik an der nachträglichen Kanonisierung, wenn sie Künstlerinnen zu isolierten Heldinnen macht und die feministischen Allianzen ihrer Zeit ausblendet.
Das bleibende Echo zweier Pionierinnen in den Lagunen Venedigs
Der Österreichische Pavillon von 1980 veränderte Venedig, weil er die Funktion des nationalen Ausstellungsraums von innen her verschob. An die Stelle repräsentativer Geschlossenheit trat ein Laboratorium, in dem Körper, Schmerz, Religion, Medien und Architektur als politische Kräfte erfahrbar wurden. Lassnig und EXPORT arbeiteten unterschiedlich, doch gerade ihre Differenz erzeugte eine gemeinsame Schärfe. Die eine machte die innere Empfindung sichtbar, die andere die äußeren Systeme ihrer Regulierung.
Die Verbindung zu Positionen wie Renate Bertlmann und Florentina Holzinger ist deshalb mehr als eine kunsthistorische Fußnote. Sie zeigt, dass Körperpolitik in internationalen Kunstinstitutionen keineswegs erledigt ist. Solange Pavillons nationale Identität formen, bleiben Fragen nach Sichtbarkeit, Autorität und Ausschluss virulent. Unbequeme Kunst besitzt ihre emanzipatorische Kraft dort, wo sie den öffentlichen Raum nicht dekoriert, sondern seine Regeln offenlegt. In den weißen Mauern von Hoffmanns Bau wurde 1980 deutlich, dass ein Pavillon seine Bedeutung nicht durch Harmonie gewinnt, sondern durch die Stimmen, die seine Ordnung ins Wanken bringen.




